• Anastasia Michailova

Freiburg: Mittelalterlicher Leprafriedhof mit hunderten Skeletten entdeckt

Sie verfaulten bei lebendigem Leib: Leprakranke galten als lebende Tote. Ein spektakulärer Zufallsfund aus Freiburg bietet tiefe Einblicke in eine dunkle Zeit.


Freiburg: Mittelalterlicher Leprafriedhof mit hunderten Skeletten entdeckt, Archäologie, Geschichte, Lepra, Seuchen, Krankheit, Mittelalter, Ausgrabungen, Deutschland, Pest, Gesundheit, Arzt, Sci-Fakt, Wissenschaft, Anastasia Michailova
Bild: Hikmet Çınar (Unsplash)

Knochen in Baggerschaufel


Es ist Ende April 2020: Mitten in Freiburg soll eine Tiefgarage gebaut werden. Eigentlich. Doch als die Bauarbeiter menschliche Knochen finden, steht alles erstmal still. In der Baggerschaufel lag auf einmal ein Schädelknochen. Polizei und Landesamt für Denkmalpflege werden hinzugezogen. Hier handelt es sich um einen außergewöhnlichen Fund, der eine fast vergessene Geschichte erzählt.



„Hier sind sie jetzt nicht komplett vollständig. Also da unten fehlen die Unterschenkel, die wurden durch ein jüngeres Grab beschädigt. Dort fehlt der Kopf, dafür haben wir hier eine gut erhaltene Kniescheibe. 700 Jahre alt - und noch top in Schuss.“ - Grabungsleiter Laurin Stöckert


Freiburg: Mittelalterlicher Leprafriedhof mit hunderten Skeletten entdeckt, Archäologie, Geschichte, Lepra, Seuchen, Krankheit, Mittelalter, Ausgrabungen, Deutschland, Pest, Gesundheit, Arzt, Sci-Fakt, Wissenschaft, Anastasia Michailova
Ein Bischof belehrt an Lepra erkrankte Kleriker, Bild: Abbildung aus der mittelalterlichen Enzyklopädie "Omne Bonum" (14. Jh.) von James le Palmer, London (Creative Commons)

Die Toten erzählen eine grausame Geschichte


Mittlerweile wurden über 400 Skelette ausgegraben. Diese Toten erlitten einst ein furchtbares Schicksal. Der Friedhof, der etwa ab dem 13. Jahrhundert genutzt wurde, befand sich in unmittelbarer Nähe zu einem Leprahospiz. Die meisten Menschen, die hier liegen, sind an Lepra gestorben. Rund 2.000 Gräber werden insgesamt vermutet. Die Archäologen fanden jedoch auch Hinweise darauf, dass einige Bestattete zum Beispiel mit Syphilis oder Tuberkulose infiziert waren.



Die Einrichtung eines „Leprosoriums“ (Leprahaus oder auch Siechenhaus) ist in Freiburg seit 1251 schriftlich belegt. An solche Orte wurden Leprakranke „verbannt“, damit sie niemanden anstecken. Dort siechten sie bis zum Ende ihres Lebens dahin. Es gab sogar ganze „Lepra-Kolonien“, zum Beispiel auf Inseln - abgeschottet vom Rest der Welt.


Freiburg: Mittelalterlicher Leprafriedhof mit hunderten Skeletten entdeckt, Archäologie, Geschichte, Lepra, Seuchen, Krankheit, Mittelalter, Ausgrabungen, Deutschland, Pest, Gesundheit, Arzt, Sci-Fakt, Wissenschaft, Anastasia Michailova
Die griechische Insel Spinalonga vor Kreta - eine der letzten Lepra-Kolonien Europas - bis 1957 in Betrieb, Bild: Malamant (Creative Commons)

Bei lebendigem Leib verfault


Menschen, die an Lepra erkrankten, rutschten schnell an den Rand der Gesellschaft, während die Infektionskrankheit langsam damit begann, sie zu entstellen. Im Mittelalter nannte man die Betroffenen auch „Gutleut“. Gesunde Menschen hofften als Wohltäter der Kranken in den Himmel zu kommen. Leprakranke sollten also so etwas wie „Glück bringen“.


„Wenn diese Erkrankung bei einem Menschen festgestellt worden ist, ungeachtet ob das ein Armer oder Reicher war, wurde er von der Gesellschaft ausgesondert. Er durfte keinem Beruf mehr nachgehen und galt praktisch als lebender Toter.“ - Bertram Jenisch, Landesamt für Denkmalschutz

Lepra zählt zu den ältesten bekannten Infektionskrankheiten. Hierbei befällt das Bakterium „Mycobacterium leprae“ die Haut und das Nervensystem. Es kann Jahre dauern, bis die Erkrankung überhaupt bemerkt wird. Auf der Haut bilden sich irgendwann Beulen und Knoten. Das führt langfristig zu Nervenschäden. Leprakranke verlieren nach einiger Zeit das Gefühl in Händen und Füßen.

 

Buchtipp zum Artikel: „Die Geschichte der Seuchen“


 

Ein Blick in die Gegenwart


Laut Angaben des Denkmalamts ist der mittelalterliche Leprafriedhof in Freiburg eine der „am besten untersuchten Grabstätten dieser Art“. Es wurden zum Beispiel auch Bodenproben aus dem Bereich genommen, in dem sich einst der Magen der Leichen befand. Man hofft hier auf Reste von Darmbakterien zu stoßen, um womöglich neue Erkenntnisse über die Menschen von damals und ihre Krankheiten gewinnen zu können.


Freiburg: Mittelalterlicher Leprafriedhof mit hunderten Skeletten entdeckt, Archäologie, Geschichte, Lepra, Seuchen, Krankheit, Mittelalter, Ausgrabungen, Deutschland, Pest, Gesundheit, Arzt, Sci-Fakt, Wissenschaft, Anastasia Michailova
Übersicht zu Lepra-Neuinfektionen im Jahr 2003, Bild: Pismire (Creative Commons)

Bis heute sterben Menschen an Lepra. Die archäologischen Funde haben also auch in dieser Hinsicht einen großen Wert für die Gegenwart. Ralf Klötzer, der Vorsitzende der Gesellschaft für Leprakunde erklärt, dass manche Leprakranke mit schweren Symptomen überleben, während andere mit einer leichten Erkrankung sterben. Hier gibt es also noch einige wichtige ungeklärte Fragen zu beantworten.


Es gibt derzeit keinen Impfstoff gegen Lepra. Die Erkrankung lässt sich jedoch mit Antibiotika bzw. Chemotherapie behandeln und auch heilen. Vor rund 300 Jahren verschwand Lepra aus Deutschland, doch in tropischen und subtropischen Ländern infizieren sich jährlich noch hunderttausende Menschen mit dieser grausamen Krankheit.


 

Quellen bzw. weiterführende Links:


(1) Spiegel Wissenschaft: „Hunderte Skelette auf Leprafriedhof entdeckt“ (2) SWR: „Was Lepra-Skelette über das Freiburger Mittelalter erzählen“

(3) Merkur: „Freiburg: Grabungsarbeiten auf ehemaligem Leprafriedhof kommen zum Ende“