• Anastasia Michailova

Massensterben im Darm: Isst der moderne Mensch sich krank?

Jahrtausendealte fossile Stuhlproben zeigen, dass die Darmflora moderner Menschen um rund 40 % zurückgegangen ist. Was bedeutet das für unsere Gesundheit? Sind wir Steinzeitmenschen im Großstadt-Dschungel?


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Bilder: Wilmer Martinez & CDC (Unsplash), Gerd Altmann (Pixabay)

Nicht nur Tiere versteinern zu Fossilien. Auch ihre Ausscheidungen können für die Ewigkeit konserviert werden. Dazu zählen selbstverständlich auch jahrtausendealte menschliche Hinterlassenschaften. Sicherlich ist ein echtes Dinosaurierfossil viel spannender, als ein versteinertes „A-a“. Dennoch haben fossile Exkremente eine absolute Daseinsberechtigung, wenngleich diese eher praktischer und weniger ästhetischer Natur ist.



Versteinerter vs. „frischer“ menschlicher Kot


Marsha Wibowo von der Harvard University hat gemeinsam mit ihrem Team rund 1.000 bis 2.000 Jahre alte versteinerte menschliche Stuhlproben von Jägern und Sammlern aus dem Südwesten der USA und Mexikos mit den Ausscheidungen moderner Menschen verglichen, um zu schauen, was sich in dieser langen Zeit verändert hat. Der Fokus lag dabei auf dem sogenannten „Mikrobiom“ – der Darmflora, die aus Billionen von Bakterien besteht und essenziell für die menschliche Gesundheit ist. Die Ergebnisse wurden im Rahmen eines Artikels in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Nature“ vorgestellt. Vor 1.000 Jahren war die Steinzeit global betrachtet längst vorbei, aber die indigenen Völker Nordamerikas, von denen die versteinerten Stuhlproben stammen, lebten in der Tat noch ein steinzeitliches Leben.


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Der menschliche Darm, Bild: Elionas2 (Pixabay)

Kurzer Fakten-Check zum Mikrobiom


  • Das Mikrobiom besteht aus rund 100.000 Milliarden Bakterien.

  • Damit besitzt es mehr Bakterien als Zellen in unserem Körper vorhanden sind.

  • Das Mikrobiom macht rund zwei Kilogramm unseres Körpergewichts aus.

  • Diese Darmflora ist eine Grundvoraussetzung für ein funktionierendes Immunsystem.

  • Je größer die Bakterienvielfalt im Darm, desto stärker ist das Immunsystem.


Ein Vergleich, der es in sich hat!


Was kommt dabei heraus, wenn man Stuhlproben von Jägern und Sammlern mit denen von Menschen aus einer durch und durch industrialisierten Gesellschaft vergleicht? Unsere steinzeitlich-lebenden Vorfahren, die sich hauptsächlich von Wild, Beeren, Nüssen und anderen saisonalen Wildpflanzen ernährten, hatten ein sichtbar vielfältigeres Mikrobiom, als der moderne Durchschnitts-Städter, der vorwiegend stark verarbeitete Lebensmittel zu sich nimmt.



Um zuverlässig zu bestimmen, wie stark sich nun die Darmflora im Einzelnen unterscheidet, muss sehr ins Detail gegangen werden:


Die Unterschiede sind enorm – die genauen Zahlen


Um den Bakterien auf die Spur zu kommen, rehydrierte Meradeth Snow von der University of Montana in Missoula winzige Stücke der versteinerten Exkremente. Auf diese Weise konnte sie etwa 500 Mikroben-Gene nachweisen. 181 von ihnen stammten tatsächlich aus dem menschlichen Darm. Der Rest gehörte zu Bodenbakterien, die im Umfeld des Stuhlgangs zu finden waren. 158 Genome konnten im Endeffekt sogar einer exakten Darmbakterienart zugeordnet werden. Diese verglich Wibowo dann mit 789 Mikrobiomen heute lebender Menschen. Was kam dabei heraus?


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3-D Illustration von Bakterien, Bild: CDC (Unsplash)

61 Genome, die in den fossilen Überresten gefunden wurden, sind heute gar nicht mehr bekannt. Etwa 40 Prozent der damaligen Darmbakterien kommen bei modernen Menschen nicht mehr vor.


In den prähistorischen Stuhlroben wurden außerdem auch keine Hinweise für Antibiotikaresistenzen gefunden – was wenig verblüffend ist. Unsere Vorfahren besaßen jedoch auch eine größere Anzahl bestimmter Enzyme, die für den „Umbau von Darmbakterien-Genomen“ von Bedeutung sind. Das heißt, sie konnten sich besser an verschiedene Umweltbedingungen und Ernährungsstile anpassen. Sie waren in ihrer Nahrungsauswahl also im Endeffekt flexibler.


Das Verrückte daran ist, dass wir heute auf eine viel größere Nahrungsvielfalt zurückgreifen können, als unsere Vorfahren, die regional und saisonal sehr eingeschränkt waren. Und trotzdem ist die Darmflora der damaligen Menschen deutlich größer und intakter als unsere. Wissenschaftler sehen darin mehrere Gründe.

 

Buchtipp zum Artikel: „Paleo Kochbuch - 202 leckere Paleo Rezepte für die Steinzeit-Diät“


 

Sind wir Steinzeitmenschen im Großstadt-Dschungel?


Aufgrund der starken Verarbeitung und Raffinierung zahlreicher Lebensmittel, essen viele Menschen heutzutage deutlich weniger Ballaststoffe als unsere Vorfahren. Die Globalisierung der Landwirtschaft sorgt zudem für eine weltweite Vereinheitlichung der Anbausorten zahlreicher Pflanzen. Überspitzt ausgesprochen essen wir überall auf der Welt die gleichen Kartoffeln und denselben Mais.


Außerdem wird vermutet, dass sich die Darmflora der Menschheit noch nicht an die Ernährung eines sesshaften industrialisierten Lebensstils angepasst hat. Große Mengen raffinierter Kohlenhydrate im Zusammenhang mit reduzierter Bewegung führen zwangsläufig zu zahlreichen Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck, Gefäßerkrankungen und Adipositas. Viele von uns können mittlerweile Substanzen wie Gluten oder Lactose problemlos vertragen - Substanzen, die im Rahmen der Sesshaftigkeit in Form von Getreide- und Milchprodukten Teil unseres Lebens wurden. Doch unser Darm geht in gewisser Weise immer noch davon aus, dass wir Steinzeitmenschen sind.


 

Quellen bzw. weiterführende Links:


(1) Nature: „Reconstruction of ancient microbial genomes from the human gut“

(2) Spektrum: „Mikrobiom - Massenaussterben in unserem Darm“

(3) Focus Online: „Im Vergleich mit Jägern und SammlernMikrobiome im Darm - Warum wir schlechter gerüstet sind als unsere Vorfahren“ (4) Carmenthin: „Die meisten Zellen in unserem Körper sind keine menschlichen“