• Anastasia Michailova

Mentales Doping: Mit Hypnose zur sportlichen Höchstleistung?

Kann man Menschen mit Hypnose zu Leistungssportlern oder gar Profisportlern machen? Und ist das eigentlich „legal“? Was funktioniert und was funktioniert nicht?


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Bilder: Victor Freitas (Unsplash), Gerd Altmann (Pixabay)

Nun, ganz so einfach ist das nicht. Hypnose findet bereits seit Langem Anwendung in zahlreichen Bereichen – zur Abgewöhnung von schlechten Gewohnheiten und Zwangsstörungen, zur Behandlung von Suchtkranken und Menschen mit Depressionen, zur Beruhigung vor medizinischen Eingriffen. Die Einsatzgebiete sind breit gefächert. Kein Wunder also, dass sich auch Sportpsychologen für Hypnose interessieren.



Mentales Training vs. Hypnose


Sportler stählen nicht nur ihren Körper, sondern auch ihren Geist. Um im Sport erfolgreich zu sein, kommt es auf viele Faktoren an: Training, Ernährung, gewisse genetische Voraussetzungen und am Ende auch die geistige Einstellung. Diese lässt sich, ebenso wie ein Muskel, in gewisser Weise trainieren.


Viele Sportler gehen kurz vor dem Spiel noch einmal in sich, schließen die Augen, durchdenken Strategien, ihre eigenen Stärken, die Schwächen des Gegners. Ein Moment der Ruhe und der inneren Versenkung. Gezielte Aufmerksamkeit auf das was gleich kommt und der feste Wille zum Sieg. So oder so ähnlich bereiten sich Hobby-Sportler aber auch Profis auf ihren Wettkampf vor. Nichts Außergewöhnliches also. Während des Spiels konzentrieren sie sich auf ihre Aufgabe, blenden alles Störende aus. Tiefer Fokus auf die eigene Kraft und den Wunsch zu gewinnen. Das klingt alles selbstverständlich. Das war „mentales Training“. Doch Hypnose geht noch einen Schritt weiter.


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Symbolbild: Alora Griffiths (Unsplash)

Höchstleistung in Trance


Es gibt Sportpsychologen, die der Überzeugung sind, dass sich Menschen mithilfe von vorangegangener Hypnose später während des Spiels zur Höchstleistung „manipulieren“ lassen. Die Hypnose ist dabei eine Art „subtiler Eingriff“ in das Unterbewusstsein des Sportlers, der ihm während seines sportlichen Einsatzes maximale Energie und maximale Kontrolle über seine jeweilige Situation suggeriert. In der Theorie sähe die Vorgehensweise folgendermaßen aus:



In einer Sitzung versetzt der Hypnotiseur den Sportler in Trance. In diesem passiven und aufnahmefähigen Geisteszustand rekonstruiert der Psychologe das Spiel, in dem er den Spieler auffordert, bestimmte Situationen durchzugehen, zu sagen, was er sieht, was er hört, was er fühlt. Es klingt banal, aber in Trance ist im Grunde keine Ablenkung möglich. Stattdessen befindet sich der Hypnotisierte buchstäblich in einer anderen Welt. Wie ein „Zombie“ würde er jede Aufgabe ausführen – ob in der Praxis des Psychologen oder im Wettkampf: Treffer landen, Laufen, Swimmen … Bis an die Leistungs- bzw. Schmerzgrenze und darüber hinaus.


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Symbolbild: Mohamed Hassan (Pixabay)
„In einem Trancezustand ist die Kontrolle durch das Bewusstsein herabgesetzt, die unbewussten Anteile der Psyche sind der Kommunikation zugänglicher.“ - Jürgen Beckmann, Prof. für Sportpsychologie an der Technischen Universität München & ausgebildeter Hypnotherapeut

Doch jetzt kommt das eigentlich Erstaunliche: Was in einer oder mehreren Sitzungen in den Sportler „einprogrammiert“ wurde (bestimmte Gefühle, Ziele usw.), kann er während des Spiels mithilfe von vorher festgelegten „Triggern“ wieder abrufen. Er murmelt bestimmte Begriffe oder zieht sich am Ohrläppchen. Und zack! Er ist in Trance und bereit zu siegen. Er ist nur noch in der Lage DAS zu tun, was ihm während der Hypnose suggeriert wurde. So zumindest die Theorie.

 

Buchtipp zum Artikel: „Glücksprinzip - Unterbewusstsein programmieren“


 

Anke Precht ist Diplompsychologin und Sportmentaltrainerin. Hypnose gehört zu ihrem Standard-Repertoire. Sie kennt die positiven Effekte dieser Methode und weiß, wie sie Sportler ist den nötigen „Flow-Zustand“ versetzt. Diesen können sie während des Spiels wieder abrufen, um sich genau so zu fühlen, wie während der Hypnose-Sitzung.


„Ich habe einen Methodenkoffer, der sich aus allen möglichen Bereichen zusammensetzt. Je nach Athlet gestalte ich die Intervention sehr individuell. Und manchmal kombiniere ich auch mehrere Dinge. Denn viele Interventionen aus der Verhaltenstherapie funktionieren in Trance noch besser. Ich versetze zum Beispiel einem Sportler in Trance und gemeinsam gehen wir zurück zu diesem einen Wettkampftag, als alles ganz leicht war, der Boden unter ihm vorbeigezogen ist, die Bäume an ihm vorbeigerast sind.“ - Anke Precht, Diplompsychologin & Sportmentaltrainerin

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Symbolbild: Gentrit Sylejmani (Unsplash)

Welche Studien gibt es?


Leistungssport ist „hochkomplex“. Daher ist es schwierig bestimmte Effekte auf einzelne Faktoren zurückzuführen, um ein klares Ergebnis zu erhalten bzw. Daten richtig zu interpretieren. Im Allgemeinen gibt es nur wenige Untersuchungen zu Hypnose im Leistungs- und Profisport. Die meisten sind eher „Einzelfalluntersuchungen“ und folgen keinem erprobten Schema für wissenschaftliche Studien.


Ein Experiment aus England lässt jedoch aufhorchen: Von insgesamt 59 Fußballspielern wurde rund die Hälfte hypnotisiert. Die andere „unhypnotisierte“ Hälfte diente als Kontrollgruppe. Tatsächlich schnitten die mit Hypnose behandelten Fußballspieler während der nachfolgenden Trainingseinheiten deutlich besser ab. Dieser Effekt blieb auch nach vier Wochen noch erhalten.



Ist Hypnose im Sport legal?


Tatsächlich spricht momentan nichts gegen eine hypnotische Behandlung von Sportlern. Außerdem fällt der Effekt von solchen „psychologischen Eingriffen“ bei jedem Menschen unterschiedlich aus, weshalb Erfolgschancen von Fall zu Fall variieren. Eine Kontrolle wäre zudem schwierig. Hypnose lässt sich nun mal nicht im Blut oder Urin nachweisen. Da Hypnose im Profisport noch sehr neu ist, müssen in Zukunft also weitere Untersuchungen angestellt werden, um zuverlässige Daten zu sammeln und möglicherweise weitere Entscheidungen zu treffen.


Die Grenzen der Hypnose im Sport


Doch weil Erfolg im Sport zu kompliziert ist, um lediglich von Hypnose abhängig gemacht zu werden, ist es für manche problematisch von einem „Missbrauch“ dieser Behandlung zu sprechen. Am Ende entscheidet nicht nur die geistige Einstellung, sondern eben auch das Training, die Ernährung und die allgemeine körperliche Verfassung.


„Hypnose zaubert aus einem mittelmäßigen Athleten nicht plötzlich einen Hochleistungssportler. […] Ich gehöre nicht zu den Sportpsychologen, die sagen, der Kopf entscheidet am Ende über den Erfolg. Es ist immer eine Kombination aus physischem Training, Ernährung, Lebensführung und Psyche.“ - Anke Precht, Diplompsychologin & Sportmentaltrainerin

Anke Precht betont jedoch auch, dass zum Beispiel bei fünf guttrainierten Sportlern am Ende die geistige Einstellung, der Wille und die Fähigkeit über die eigene Schmerzgrenze hinauszugehen, über Sieg und Niederlage entscheiden können. Und genau da sehen Sportpsychologen das Potenzial der Hypnose.


Fändest du die Anwendung von Hypnose im Sport fair? Oder ist das „geistiges Doping“? Teile diesen Beitrag gerne mit deinen Freunden.


 

Quellen bzw. weiterführende Links:


(1) Die Sportpsychologen: „Anke Precht - Hypnose und Selbsthypnose im Sport“

(2) Spektrum: „Mentales Training - Sportliche Höchstleistung dank Hypnose?“