• Anastasia Michailova

Der Albigenser-Kreuzzug: Als Christen Christen töteten

Der vergessene Kreuzzug? Die Albigenserkriege gelten als „erster Genozid der modernen europäischen Geschichte“ und offenbaren ein düsteres Kapitel der Französischen Krone und des Christentums.


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Bilder: Mario la Pergola (Unsplash) & SusiDi (Pixabay)

Bei Kreuzrittern und Kreuzzügen denken die meisten an die Eroberungen des durch Muslime besetzten Heiligen Landes. Doch es gab auch Kreuzzüge, die sich gegen Christen richteten. Von 1209 bis 1229 führten der Papst und später auch der König von Frankreich insgesamt zwei Kreuzzüge gegen die Albigenser. Doch der Krieg galt nicht nur einer religiösen Minderheit, sondern einem ganzen Landstrich, der kulturell unabhängig war - Okzitanien. Es ist nicht so leicht zu sagen, ob es sich hier vorwiegend um einen Kreuzzug gegen Ketzerei oder einen verschleierten erbarmungslosen Eroberungskrieg gegen die südfranzösischen Grafen handelte. Wahrscheinlich traf beides zu. Viele Albigenser starben nicht nur während der Kreuzzüge, sondern auch in den Jahren danach. Eine großangelegte Inquisition verbrannte die letzten von ihnen auf dem Scheiterhaufen.



Kapitel in diesem Beitrag:


1. Wer waren die Albigenser?

2. Woran glaubten die Katharer?

3. Okzitanien: Wo unterschiedliche Religionen miteinander lebten

4. Simon de Montfort: Der Kreuzritter, der Frankreich blutrünstig veränderte

5. Der Verlauf der Albigenserkreuzzüge

6. Was geschah nach dem Ende der Kreuzzüge mit den Katharern?


Wer waren die Albigenser?


Die Albigenser waren eine christliche Sekte des Mittelalters. Benannt wurden sie nach der südfranzösischen Stadt Albi, doch eigentlich waren sie hauptsächlich unter dem Namen „Katharer“ bekannt und werden in diesem Beitrag auch vorwiegend so dargestellt. Der Name leitet sich aus dem Griechischen ab: „katharos“ = „rein“ bzw. „Katharoi“ = „die Reinen“. Sie selbst bezeichneten sich u. a. als „gute Christen“ und „Vollkommene“ (lat. „hereticus perfectus“). Daraus wurden später die Begriffe Häretiker und Häresie abgeleitet. Aus der Eindeutschung des Wortes „Katharer“, entstand der Begriff der „Ketzerei“. Katharer lebten neben Frankreich auch in Spanien, Italien und Deutschland.


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Katharer waren Christen. Bild: Pixabay (Pexels)

Woran glaubten die Katharer?


Die Katharer folgten dem Manichäismus, der die Welt radikal in zwei Seiten teilt: Das Gute und das Böse. Diese Glaubensbewegung ist auf den persischen Gelehrten „Mani“ zurückzuführen und entstand im 3. Jahrhundert n. Chr. Nach diesem Manichäischen Dualismus ist die Welt im Grunde schwarzweiß. Gott schuf das Licht und ist „das Gute“. Der Teufel schuf die Finsternis und ist „das Böse“.



Wenn der Mensch seine Begierden und Laster überwindet, kann seine Seele zu Gott gelangen. Aus diesem Grund lebten die Katharer in strenger Askese. Sie organisierten sich und besaßen Diözesen, also christliche Bezirke mit einem Bischof als Vorstand, in: Agen, Albi, Carcassonne, Toulouse und Razés. Die Katharer in Südfrankreich wurden von vielen französischen Adligen unterstützt.


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Das historische Okzitanien mit den Städten: Bordeaux, Toulouse, Marseille, Nizza und Limoges. Bild: Camille Harang (Creative Commons)

Okzitanien: Wo unterschiedliche Religionen miteinander lebten


Zwischen Provence und Pyrenäen lag das mediterrane und romanisch geprägte Okzitanien. Der Norden Frankreichs war zu dieser Zeit hingegen fränkisch-normannisch beeinflusst. Okzitanien hatte sogar eine eigene Sprache, was für das Mittelalter recht ungewöhnlich war. In der Region herrschte ein relativ liberales Miteinander, was die Glaubensrichtungen betraf. Hier lebten Katharer, Katholiken und Juden friedlich zusammen. Wegen dieser „Religionsfreiheit“ bekamen die Katharer insbesondere in Okzitanien viel Zulauf. Deshalb finden sich ihre Diözesen insbesondere in dieser Region.


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Die Mittelmeerstadt Nizza heute, Bild: Julian Hacker (Pixabay)

Die kulturelle Eigenständigkeit Okzitaniens war der Französischen Krone und dem Papsttum immer ein Dorn im Auge. Die Katharer weigerten sich den Zehnten an die römische Kirche zu zahlen und der Unabhängigkeitsdrang dieses riesigen Gebietes erzürnte den französischen König.


Simon de Montfort: Der Kreuzritter, der Frankreich blutrünstig veränderte


„Tötet sie, der Herr wird die Seinen schon erkennen.“ – Dieses Zitat spiegelt das Wesen eines der berühmtesten Kreuzritter wider. Kurz nach Beginn des ersten Albigenserkreuzzuges führt Simon de Montfort das Kreuzfahrerheer an. Er gilt als ultra-religiös, grausam, gierig und blutrünstig. Aus tiefem Glauben unterjochte er die okzitanischen Fürstentümer und ermordete viele Katharer, die für ihn und den Papst nur Ketzer waren. Er war ein „nordfranzösischer Edelmann“ und gelangte durch seine englische Mutter sogar an den Titel „Earl of Leicester“. Montfort stand treu zur Französischen Krone und zum Papst. Er kämpfte bereits als Kreuzritter im Heiligen Land gegen Muslime. Nun, so heißt es, sei er „aus purer Habgier“ in den Kampf gegen die Katharer gezogen. Der Papst versprach ihm die Metropole Toulouse im Gegenzug für den Sieg.


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Büste von Simon de Montfort in der Schlachtengalerie im Schloss Versailles, Bild: Ray9 (Creative Commons)

Kurzzeitig herrschte er auch tatsächlich über die Stadt am Fluss Garonne. Während seiner Abwesenheit verwaltete Montforts Frau „Alice“ das eroberte Toulouse. Sie beschäftigte sich insbesondere mit der Verfolgung der dort lebenden Juden. Kinder wurden ihren Eltern weggenommen und zwangsgetauft. Ihren Eltern drohte der Tod, wenn sie nicht zum Christentum konvertierten. Erstaunlicherweise war dieses Vorgehen seiner Frau sogar Montfort zu radikal. Er ließ gefangene Juden wieder frei und gab ihnen ihren konfiszierten Besitz zurück. Die Kinder durften jedoch nicht zurück zu ihren Familien. Er meinte, das verbiete ihm seine Religion.



Montfort wurde gefürchtet, aber auch verehrt. Er galt unter europäischen Kreuzrittern als eine Art „Star“. Angeblich wollten ihn englische Barone zum Gegenkönig ausrufen und ein Textorakel hätte gedeutet, dass Montfort ein Auserwählter sei. Montforts Bilanz: Er belagerte knapp 40 Städte und Burgen – davon fast alle erfolgreich. Doch bei einer Belagerung sollte er sein Leben verlieren.


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Tod des Simon de Montfort bei der Belagerung von Toulouse 1218 - historisierende Darstellung von Alphonse Marie Adolphe de Neuville, 19. Jahrhundert. Bild: Basileús (Creative Commons)

Sein Tod war spektakulär: Im Jahr 1218 will Montfort das mittlerweile wieder verlorene Toulouse zurückerobern und wird von einem Felsbrocken zerschmettert, der von einem Katapult aus der Stadt geschleudert wurde. Doch das war nicht das Ende des Krieges.


Der Verlauf der Albigenserkreuzzüge


Für unsere Chronologie beginnen wir knapp 40 Jahre vor dem ersten Kreuzzug gegen die Albigenser. Insgesamt gab es zwei Kreuzzüge gegen die Katharer in Südfrankreich. Wir gehen die wichtigsten Jahreszahlen durch und erklären kompakt, was passiert ist.


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Die Eroberung von Carcassonne - Buchmalerei in einer Handschrift von David Auberts „Croniques abregies“, Bild: Πυλαιμένης (Creative Commons)

1165: Es kommt zu einem Streitgespräch zwischen Katharern und katholischen Würdenträgern in Lombers.


1167: Das Konzil von Saint Félix de Caraman findet statt, welches als Meilenstein in der Geschichte der Organisation der Katharer gilt. Daraufhin gründen sie vier Bistümer in Okzitanien: Toulouse, Albi, Carcasonne und Agen.


1179: Im Rahmen des dritten Laterankonzils wird zum ersten Mal ein militärisches Vorgehen gegen die Katharer in Okzitanien beschlossen.


1198: Papst Innozenz III. bekleidet sein Amt und will die Einheit der Kirche Roms wiederherstellen.

 

Buchtipp zum Artikel: „Das Geheimnis der Templer: Von Leonardo da Vinci bis Rennes-le-Château“


 

1208: Der päpstliche Legat Pierre de Castelnau wird (vermutlich von einem Gefolgsmann des Grafen von Toulouse) ermordet. Papst Innozenz III. sieht dies als Anlass für den Albigenserkreuzzug.


1209: Der Kreuzzug beginnt. In Lyon versammeln sich etwa 10.000 Kreuzritter. Die Städte Béziers und Carcassonne werden erobert. Bei der Eroberung von Béziers sterben 15.000 Männer, Frauen und Kinder – Katharer, Katholiken und Juden. Während der Belagerung von Carcassonne flüchten die meisten Einwohner über unterirdische Gänge in die umliegenden Wälder. Es verbleiben aber rund 500 Einwohner. Von diesen dürfen Greise, Kranke und Kinder die Stadt nackt verlassen („nur mit ihren Sünden beladen“). Die 400 Übriggebliebenen werden ermordet. Simon de Montfort übernimmt die Führung des Kreuzzuges, nachdem sein Vorgänger Raymond Roger Trencavel abgesetzt wird und im Verlies stirbt. Die Stadt Bram wird erobert und 100 Katharer auf Befehl Montforts verstümmelt. Minerve, Thermes und Puivert werden belagert und in Minerve 140 Menschen verbrannt.


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Vertreibung der Katharer aus Carcassonne - mittelalterliche Miniatur aus den Grandes Chroniques de France, Bild: British Library (Creative Commons)

1211: Lavaur und Cassés werden erobert und 400 Katharer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ritter werden gehängt oder mit dem Schwert erstochen. Die Herrin von Lavaur wird in den Brunnen geworfen und gesteinigt. Toulouse wird belagert und künftig zum Zentrum dieses Konflikts. Raimund Roger, Graf von Foix, ist ein entschiedener Gegner des Albigenserkreuzzuges und richtet ein Massaker an den Kreuzfahrern an. Er wird jedoch bei der Schlacht von Castelnaudary besiegt.


1218: In den vergangenen Jahren wurde die Stadt Toulouse hart umkämpft und fiel in unterschiedliche Hände. Bei dem Versuch einer Rückeroberung von Toulouse stirbt Simon de Montfort und die Kreuzfahrer ziehen sich zurück.


1219: Der zweite Kreuzzug gegen die Katharer beginnt.


1226: Ludwig VIII., König von Frankreich, beginnt einen königlichen Kreuzzug. Nach seinem Tod wird Toulouse einfach annektiert. Es kommt zur ersten Inquisition in der Stadt.



1229: Der Vertrag von Meaux in Paris erklärt den Albigenserkreuzzug für beendet.


1233: Beginn der päpstlichen Inquisition gegen die Katharer, mit der die Dominikaner beauftragt werden.


1234: Dominikus, der Ordensgründer der Dominikaner, wird heiliggesprochen.


1235: Toulouse, Albi und Narbonne erheben sich gegen die Inquisition.


1236: Die Inquisitoren kehren jedoch wieder nach Toulouse zurück.


1243: Das Konzil von Béziers beschließt die Belagerung, Eroberung und Zerstörung der Stadt Montségur. 225 Katharer werden auf dem Scheiterhaufen verbrannt.


Was geschah nach dem Ende der Kreuzzüge mit den Katharern?


Das ursprüngliche päpstliche Ziel war mit dem Ende der Kreuzzüge nicht erreicht. In den nachfolgenden Jahren fallen etliche Katharer der Inquisition zum Opfer und sterben auf dem Scheiterhaufen. Im Jahr 1329 findet in Carcassonne die letzte Verbrennung statt. Die Katharer in Südfrankreich galten damit „offiziell“ als ausgelöscht. Es ist unklar, wie viele von ihnen dabei ihr Leben verloren haben. Außerdem wurde das kulturell ziemlich eigenständige Okzitanien in das Königreich Frankreich eingegliedert. Die kulturellen Gegensätze von Nord und Süd sind in Frankreich bis heute spürbar.


Die Blütezeit der okzitanischen Kultur im Mittelalter wurde jedoch nicht vergessen. Seit dem 19. Jahrhundert gibt es Bemühungen eine einheitliche okzitanische Schriftsprache zu schaffen und eine entsprechende literarische Kultur in Südfrankreich zu etablieren, um das alte Okzitanien ein Stück weit wiederzubeleben. Einer Schätzung zufolge sprechen heute nur noch knapp zwei Millionen Franzosen die okzitanische Sprache.


 

Quellen bzw. weiterführende Links:


(1) GRIN: „Der Albigenserkreuzzug. Ein Kampf gegen die Häresie oder die Eroberung Südfrankreichs?“

(2) Süddeutsche Zeitung: „Der Kreuzritter, der Frankreich blutig veränderte“

(3) Universität Regensburg: „Albigenserkreuzzug“

(4) cathares.org: „Bienvenue en Terres Cathares“

(5) Lernhelfer: „Die Katharer“

(6) Mittelalter Wiki: „Albigenserkreuzzug“

(7) france.fr: „Okzitanien - Südfrankreich“